Schwangerschaft & Geburt
Plazenta
Die Plazenta (Mutterkuchen) ist ein temporäres Organ während der Schwangerschaft. Sie versorgt den Fötus über die Nabelschnur mit Nährstoffen sowie Sauerstoff, transportiert Abbauprodukte ab und produziert schwangerschaftserhaltende…
Definition
Die Plazenta (anatomisch Placenta, volkstümlich Mutterkuchen) ist ein Gefäßorgan, das sich nach der Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut bildet. Sie besteht aus einem mütterlichen Anteil (Decidua basalis) und einem embryonalen bzw. fetalen Anteil (Chorion frondosum). Über die Nabelschnur verbindet sie den mütterlichen und fetalen Kreislauf, ohne dass sich das Blut beider Seiten direkt vermischt.
Technische und physiologische Eckdaten
- Gewicht zur Geburt: ca. 500 bis 600 g (ca. ein Sechstel des kindlichen Geburtsgewichts)
- Durchmesser: 15 bis 20 cm
- Dicke: 2 bis 3 cm
- Durchblutung: bis zu 600 bis 700 ml mütterliches Blut pro Minute am Termin
- Gefäßsystem Nabelschnur: 2 Nabelschnurarterien (Arteriae umbilicales), 1 Nabelschnurvene (Vena umbilicalis)
Primäre Funktionen
Die Plazenta erfüllt lebenswichtige Organfunktionen, die der Fötus noch nicht eigenständig leisten kann:
- Gasaustausch: Transport von Sauerstoff aus dem mütterlichen Blut zum Fötus und Abtransport von Kohlendioxid (Lungenfunktion).
- Nährstofftransfer: Zufuhr von Glukose, Aminosäuren, Vitaminen und Fettsäuren per Diffusion sowie aktivem Transport (Magen-Darm-Funktion).
- Ausscheidung: Filtration fetaler Stoffwechselendprodukte wie Harnstoff und Kreatinin in das mütterliche Blut (Nierenfunktion).
- Endokrine Funktion: Synthese essentieller Hormone wie humanes Choriongonadotropin (hCG), Progesteron, Östrogene und humanes Plazentalaktogen (hPL).
- Plazentaschranke: Selektiver Filter gegen Krankheitserreger und Toxine, gleichzeitig Durchlassstelle für schützende maternale Antikörper (IgG-Transfer zur passiven Immunisierung).
Warum ist das wichtig?
In der Geburtshilfe und Pränatalmedizin dient die Beurteilung der Plazenta als zentraler Indikator für den Verlauf der Schwangerschaft und das intrauterine Wachstum des Kindes. Per Ultraschall überwachen Gynäkologen und Hebammen den Sitz der Plazenta (Ausschluss einer Placenta praevia = Fehllage vor dem Muttermund) sowie den Reifegrad nach Grannum (Verkalkungsstadien 0 bis III).
Bei Verdacht auf eine intrauterine Wachstumsretardierung (IUGR) analysiert die Doppler-Sonografie den Gefäßwiderstand in den Nabelschnurarterien. Unter der Geburt ist die vollständige Ausstoßung des Organs in der Nachgeburtsphase entscheidend, um lebensbedrohliche postpartale Blutungen zu verhindern.
In der Praxis
- Nachgeburtsphase: Nach der Kindsgeburt löst sich die Plazenta durch Nachwehen innerhalb von 10 bis 30 Minuten vollständig von der Uteruswand.
- Plazentakontrolle: Hebammen oder Geburtshelfer untersuchen die ausgestoßene Plazenta akribisch auf Vollständigkeit. Verbleibende Gewebereste (Plazentaretention) erfordern eine manuelle Lösung oder Kürettage, um Infektionen und Atonien abzuwenden.
- Kulturelle und alternative Praktiken: Eltern entscheiden im Geburtsplan, wie mit dem Organ verfahren wird. Häufige Optionen sind die reguläre klinische Entsorgung, das Vergraben im eigenen Garten (Pflanzung eines Lebensbaums) oder das Auspulsierenlassen im Rahmen einer Lotusgeburt.
Häufige Fehler & Missverständnisse
- Vollständiger Schutzfilter: Die Plazentaschranke schützt das Ungeborene nicht vor allen Schadstoffen. Alkohol, Nikotin, Medikamente sowie teratogene Erreger (z. B. Röteln, Toxoplasmose, CMV) passieren die Membran ungehindert.
- Mutter-Kind-Blutverbindung: Entgegen weitverbreiteter Annahmen fließt das Blut von Mutter und Kind nicht direkt ineinander; der Stoffaustausch erfolgt getrennt über mikroskopische Zottenzwischenräume.
- Plazentaverkalkung als zwingende Pathologie: Leichte Verkalkungen am Ende des dritten Trimesters sind physiologische Alterungserscheinungen und stellen primär keinen Notfall dar.
