Ernährung & Stillen
Kolostrum
Kolostrum ist die hochkonzentrierte Erstmilch der Brustdrüse, die ab der Schwangerschaft gebildet wird. Sie versorgt Neugeborene in den ersten Lebenstagen mit lebenswichtigen Antikörpern, Proteinen und Nährstoffen.
Definition
Kolostrum (auch Erstmilch oder Vormilch genannt) ist die erste Form der Muttermilch, die von den Milchdrüsen der weiblichen Brust produziert wird. Die Synthese beginnt bereits während der Schwangerschaft ab etwa der 16. Schwangerschaftswoche unter dem Einfluss von Progesteron und Prolaktin. In den ersten zwei bis vier Tagen nach der Entbindung bildet es die alleinige physiologische Nahrung für das Neugeborene, bevor der Übergang zur Übergangsmilch und schließlich zur reifen Muttermilch erfolgt.
Zusammensetzung und Eigenschaften
Kolostrum zeichnet sich durch eine dicke, zähflüssige Konsistenz und eine charakteristische gelblich-goldene Färbung aus, die durch einen hohen Gehalt an Beta-Carotinoid entsteht. Es ist exakt auf das geringe Magenvolumen (Tag 1: ca. 5 bis 7 ml) und die noch unreifen Nieren des Neugeborenen abgestimmt.
- Proteingehalt: Deutlich höher als in reifer Muttermilch, bestehend aus bioaktiven Schutzstoffen
- Immunglobuline: Hohe Konzentration an sekretorischem Immunglobulin A (sIgA), das sich wie ein Schutzfilm auf die Darmschleimhaut legt
- Fett- und Laktosegehalt: Geringer als in reifer Milch, um das Verdauungssystem zu schonen
- Laxierende Wirkung: Fördert den zügigen Abgang des Kindspechs (Mekonium) und senkt das Risiko einer Neugeborenengelbsucht (Hyperbilirubinämie)
- Wachstumsfaktoren: Unterstützen die Reifung des Magen-Darm-Trakts
Warum ist das wichtig?
Kolostrum ist der biologische Grundstein der neonatalen Immunabwehr und Ernährung. Der Begriff findet Anwendung in der Geburtshilfe, Stillberatung und Neonatologie. Bereits während des ersten Hautkontakts unmittelbar nach der Entbindung (Golden Hour) stimuliert das Saugen des Säuglings die Entleerung des Kolostrums und regt die hormonelle Steuerung für die nachfolgende Laktation an.
In der Pränatalmedizin gewinnt die präpartale Kolostrumgewinnung (Handentleerung ab der 37. SSW) an Bedeutung, insbesondere bei Schwangeren mit Diabetes mellitus, um postpartalen Hypoglykämien des Kindes ohne künstliche Säuglingsnahrung vorzubeugen.
In der Praxis
- Häufiges Anlegen: Neugeborene sollten in den ersten 24 Stunden 8- bis 12-mal angelegt werden, um kleinste Mengen Kolostrum effektiv aufzunehmen.
- Manuelle Entleerung: Bei Saugschwäche oder Trennung von Mutter und Kind wird das Kolostrum von Hand ausgestrichen und tropfenweise mit einer sterilen Spritze oder einem Löffel verabreicht.
- Magenkapazität beachten: Am ersten Lebenstag benötigt das Baby pro Mahlzeit lediglich etwa einen Teelöffel (ca. 5 ml) Kolostrum; das Ausbleiben großer Flüssigkeitsmengen ist physiologisch normal.
- Schutzwirkung nutzen: Die Tropfen können bei wunden Brustwarzen als natürlicher Wundschutz aufgetragen werden.
Häufige Fehler & Missverständnisse
- „Die Milch reicht noch nicht“: Die geringe Menge Kolostrum wird fälschlicherweise oft als unzureichende Milchbildung interpretiert. Kolostrum ist jedoch ein Nährstoffkonzentrat; große Volumina würden den unreifen Magen überdehnen.
- Unnötiges Zufüttern: Die Gabe von Glukoselösung oder Pre-Nahrung in den ersten Tagen zerstört die schützende sIgA-Schicht des Kolostrums im Darm und hemmt den natürlichen Laktationsstart.
- Warten auf das Spannungsgefühl: Die Brust fühlt sich vor dem eigentlichen Milcheinschuss weich an, enthält jedoch bereits ausreichend Kolostrum.
